Neben einer artgerechten Haltung, spielt natürlich auch hauptsächlich die Ernährung eine ganz große Rolle, damit es unseren Lieblingen gut geht. Deshalb haben wir hier unter der Rubrik Ernährung ein paar wesentliche Details zusammengefasst:
Meerschweinchen sind herbivore Tiere, was bedeutet, dass es sich hierbei um einen reinen Pflanzenfresser handelt. Ihr Verdauungssystem ist sehr kompliziert (gesamte Darmlänge durchschnittlich 2,30 m!) Spezielle Milchsäurebakterien und einzellige Lebewesen (Anaerobien) im Darm sorgen dafür, dass die Nahrung aufgespalten wird und somit verdaut werden kann. Der Blinddarm des Meerschweinchens stellt eine Besonderheit dar: Er ist im Verhältnis zu anderen Säugetieren sehr groß und füllt ca. 1/3 der Bauchhöhle aus. Im Blinddarm finden die bakteriellen Spaltungs-und Gärprozesse statt; es werden dabei Fettsäuren, Proteine, Vitamine etc. freigesetzt. Die lebenswichtigen B-Vitamine (B-Komplex) und auch Vitamin K werden im Blinddarm mit Hilfe der Mikroorganismen aufgeschlossen und mit dem sog. Blinddarmkot ausgeschieden (ca. 30 % des Gesamtkotes). Meerschweinchen nehmen diesen sehr vitamin- und eiweißreichen Blinddarmkot direkt vom Enddarm (After) auf und fressen ihn. Man spricht hier von sog. Caecotrophie. Erst mit dem Fressen des Blinddarmkots kann das Eiweiß und die Vitamine über Magen und Dünndarm erneut durch die rein biochemische Aufspaltung verdaut werden: Im Dickdarm wird dem Darminhalt schließlich das Wasser entzogen, geformt und der Endkot ausgeschieden..
Hindern Sie NIEMALS Ihr Tier daran den Blinddarmkot zu fressen!!! Ohne diese lebenswichtigen Bestandteile des Blinddarm-Kotes sterben die Tiere!!
Um den hohen Energieumsatz stets aufrecht halten zu können, müssen Meerschweinchen kontinuierlich fressen. Man sagt, dass Meerschweinchen in freier Wildbahn (in ihrer Heimat Mittel- und Südamerika) innerhalb von 24 Stunden ca. 80 bis 100 kleine Portionen fressen. Dieses ständige Fressen ist extrem wichtig, dadurch wird ein ständiges Weiterbefördern der Nahrung vom Magen (sog. Stopfmagen) in den Darm gewährleistet und die Darmperistaltik wird somit aufrecht erhalten. Hier wäre noch kurz zu erwähnen, dass Meerschweinchen aufgrund schlecht ausgebildeter und sehr dünnwandiger Magenmuskulatur nicht erbrechen können. Der Magen hat ein Fassungsvermögen von durchschnittlich 25 ml (bei einem ausgewachsenen Tier).
Bitte beachten Sie: Meerschweinchen dürfen NIEMALS HUNGERN!
Hungerphasen können aufgrund von Gährungsprozessen im Magen und daraus resultierenden Aufgasungen schnell zum Tod führen!
Es ist grob fahrlässig, übers Wochenende wegzufahren und schon mal "vorsorglich" eine doppelte oder dreifache Ration an Futter in den Stall zu legen. Meerschweinchen teilen sich die Rationen nicht ein!! Zuviel Frischfutter auf einmal ist genauso schädlich wie gar keines (Magenüberladung)! Abgesehen davon, dass Obst und Gemüse vor allen bei hohen Ausentemperaturen sehr schnell verdirbt.
Deshalb: Lassen SIE NIEMALS Ihre Tiere über längeren Zeitraum unbetreut zurück!
Meerschweinchen benötigen in Anbetracht o.g. Sachverhaltes ein rohfaserreiches Futterangebot. Heu zählt zu den überlebenswichtigen Grundnahrungsmitteln und sollte immer in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen. Besonders darauf zu achten ist, dass das Heu von sehr guter Qualität ist. Es sollte sauber, nicht von gedüngten und durch z.B. Kuhfladen verunreinigten Wiesen stammen. Heu darf niemals feucht gelagert werden (Schimmelgefahr!), es muss frisch riechen und einen würzigen Duft verströmen. Hände weg von staubigem, schon gelblichem, strohänlichem Heu, das oft in viel zu kleine Packungen gepresst wird. Heu sollte locker gelagert werden und "atmen" können.
Bieten Sie das Heu bestensfalls in einer an der Wand befestigten Heuraufe an, damit es nicht mit dem Urin und Kot der Tiere verunreinigt werden kann. Hier ist zu beachten, dass die gewählte Heuraufe keine Verletzungsgefahr für Ihre kleinen Lieblinge darstellt. Auch Stroh sollten die Tiere immer im Stall zur Verfügung haben! Hier gilt Gleiches wie beim Heu: nur gute Qualität ist auch wertvoll!
Frischfutter muss auch täglich gefüttert werden. Wir empfehlen saisonales Gemüse der Region. Treibhausware enthält oft nicht mehr alle Nährstoffe und ist oft zusätzlich mit Pestiziden behandelt worden. Achten Sie darauf, woher das Gemüse kommt. Ein langer Transportweg, evtl. noch per Flugzeug, ist nicht nur eine Belastung für die Umwelt sondern ist auch für das Obst/Gemüse keine „Bereicherung“.
Nachfolgend eine Auswahl an Futtersorten, die unsere kleinen Freunde gut vertragen und gerne fressen:
Zusammenfassung / generell gilt:
Gutes, qualitativ einwandfreies Heu muss IMMER ausreichend zur Verfügung stehen. Auch Stroh sollte immer mit angeboten werden.
Kaufen Sie nur einwandfreie Ware. Es reicht nicht aus, schimmlige Stellen einfach rauszuschneiden und den Rest zu verfüttern. Die Schimmelsporen sitzen oft weitverbreitet auf dem Gemüse/Obst und schädigen massivst das Darmmillieu der kleinen Nager.
Neue Futtersorten langsam und anfänglich nur in geringen Mengen anfüttern, damit sich der empfindliche Darm langsam darauf einstellen kann. Das gilt im speziellen auch für Gras. Bevor Ihr Tier in den Freilauf im Garten darf, füttern Sie zunächst allmählich und langsam Gras und Löwenzahn etc.
Obst/Gemüse/Kräuter sind prinzipiell vor Verfütterung zu waschen oder abzuschälen. Es muss darauf geachtet werden, dass das angebotene Futter nicht im nassen/feuchten Zustand gefüttert wird (Gefahr von Blähung!)
Zweige von ungespritzten, einheimischen Obstbäumen z.B. Apfelbaumzweige oder auch Haselnusszweige (samt Blätter) werden sehr gerne als Nagerfutter angenommen. Achten Sie darauf, dass die Zweige und Blätter keinen Schädlingsbefall (Blattläuse etc.) vorweisen!
Wasser muss auch IMMER zur Verfügung stehen. Es muss täglich gewechselt werden. Es kann in Näpfen oder in sog. Nippelflaschen bereitgestellt werden. Nippelflaschen benötigen ganz besonders gute Hygienemaßnahmen. Keime setzen sich schnell an der Plastikwand an, die unbedingt penibelst beseitigt werden müssen! Geben Sie auf keinen Fall Mineralwasser und auch kein destiliertes Wasser!!
Nicht gefressenes Frischfutter muss regelmäßig aus der Behausung entfernt werden
Ebenso wie beim Frischfutter gilt auch beim Heu folgendes: Feuchtes, verunreinigtes Heu muss ebenso täglich entfernt werden. In feuchtem Heu staut sich die Hitze, was gerade im Sommer ein idealer Brutherd für Fliegenmaden und andre Insekten ist.
Kohlsorten sollten NICHT gefüttert werden (Weisskohl etc, ebenfalls Blähungsgefahr)
Verzichten Sie auf stark calziumhaltige Futtermittel wie z.B.Kräuter ( Petersilie o.ä.), Luzernenheu, Klee, Brokkoli, Kohlrabiblätter. Große Harnstein/Blasensteingefahr!!!
Selbstgepflückte Kräuter/Löwenzahn etc. dürfen nicht vom Straßenrand oder Wiesen neben stark befahrenen Straßen gepflückt werden. Auch sog. Hundewiesen oder Wiesen auf denen Weidevieh steht sind tabu! Noch ein wichtiger Hinweis: Brennessel dürfen nicht frisch gefüttert werden, sondern müssen vorher getrocknet werden!
Verwenden Sie keine Mineralstoff- oder Vitaminzusätze wenn es nicht ausdrücklich von einem Tierarzt oder Therapeuten verordnet wurde! Bei genügend, abwechslungsreichem Frischfutter, und artgerechter Haltung haben Meerschweinchen in der Regel keinen Vitaminmangel, es sei denn sie haben ein krankheitsbedingtes Defizit. Das gehört aber in die Hände eines Fachmanns; eigenmächtiges Experimentieren schadet mehr als es nutzt. Übermäßig Vit. D kann zum Beispiel eine Organverkalkung oder zu hohe Ausscheidung von Calzium (Harnsteinbildung) nach sich ziehen! An dieser Stelle sei noch kurz erwähnt, dass das perfekte Calcium:Phosphor-Verhältnis der angebotenen Futtermittel bei 1,5 (Calcium) : 1 (Phosphor) liegen sollte!
Das gleiche gilt für Mineral- und Salzlecksteine, Nagerdrops / Leckerli aus Joghurt etc. Diese dienen ALLE ebenfalls nur der Gesundung des Geldbeutels vom Hersteller und Anbieter! Bitte tun Sie Ihrem Tier etwas Gutes und verfallen nicht der Verlockung dieser bunten als Nagerfreuden angepriesenen äußerst schädlichen „Belohnung“. Über ein Stück saftige Gurke extra freut sich Ihr Tier genauso und das dient wenigstens der Gesundheit!
Trockenfutter, auch Kraftfutter genannt: Hier scheiden sich die Geister und erhitzen die Gemüter schnell in jeder Diskussion. Wir sind der Meinung, Kraftfutter oder auch gerne mal als „Alleinfutter“ genannt: NEIN - Diese Fertigmischungen enthalten sehr viel Getreide, Nüsse, teilweise Zucker und viele Zusatzstoffe. Oft enthalten sie bunt eingefärbte Brotstückchen, die Gelberüben oder Rote Beete vortäuschen. Übermäßig Kohlehydrate senken den PH Wert auf bis zu 5 (Normal 8 bis 9 beim Meerschweinchen) was zu ernsthaft bedenklichen Darmproblemen führt; vom Übergewicht und Leberproblemen mal ganz abgesehen!
Wenn Tiere einen erhöhten Energieumsatz benötigen, sei es aufgrund von Trächtigkeit oder nach Operationen, zur Rekonvaleszenz oder zur zusätzlichen Fütterung von unterentwickelten Jungtieren, empfehlen wir das beim Tierarzt erhältliche Critical Care oder getreidefreie Pallets, die es im Fachhandel oder auch beim Tierarzt gibt.
Meerschweinchen brauchen hartes Brot, damit die Zähne abgenützt werden? NEIN!!!! Das ist das größte Ammenmärchen das sich leider seit vielen Jahren in so manchen Köpfen festgefahren hat und dort beharrlich bejaht wird. Nochmals: NEIN Für die Abnutzung der Zähne spielen die Dauer und die Intensität der Kaubewegung eine große Rolle. Meerschweinchen beissen/reissen mit den Vorderzähne ab, schieben die Nahrung mit Hilfe der Zunge in Mundhöhle und durch Rück-/Vorwärtsbewegung des Unterkiefers (Schlittengelenk, deshalb ist eine sog. Rotation des Unterkiefers möglich) wird die Nahrung zwischen den Backenzähnen zermahlen. Der Kaumuskel ist stark ausgeprägt. Rohfaserhaltige Nahrung, also Heu, zwingt zu langem Kauen und somit zur steten Abnutzung der Zähne. Auch deshalb ist es zwingend notwendig, dass Heu IMMER rund um die Uhr zur freien Verfügung steht!
Wir hoffen, Ihnen mit den oben aufgeführten Punkten einen Überblick gegeben zu haben was Meerschweinchen benötigen und konnten Ihnen ein wenig vermitteln, dass Meerschweinchen keineswegs so pflegeleicht, genügsam und robust sind, wie sie in vielen Zooläden oder Gartencenter/Baumärkten leichtfertig im wahrsten Sinne des Worte "angepriesen" werden. Sollten Sie noch Fagen haben zum Thema Ernährung; sprechen Sie uns an; wir nehmen uns gerne Zeit für Sie!
Andrea Kraus, 10.08.2010